Stefan Blankertz

Die Geburt der Gestalttherapie
aus dem Geiste der Psychoanalyse Sigmund Freuds


Schriftenreihe des Berliner Gestaltsalons in der edition g. 402


Ist die Psychoanalyse, in ihrer ursprünglichen Formulierung durch Sigmund Freud, überhaupt noch aktuell? Nicht längst überholt, sowohl durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse als auch durch gesellschaftliche Entwicklungen, die ihre Unzulänglichkeit erweisen? Ich werde zeigen, dass sie aktuell, mehr noch: brisant ist. Dies erweist sich in ihrer Fähigkeit, erschreckende Ereignisse der jüngsten Zeit zu erklären, das Versinken des vorderen Orients in Krieg und in Terror, die Wiederkunft des gewalttätigen religiösen Fanatismus, die Hilflosigkeit in der vielgerühmten »westlichen Welt« (gar das »Abendland« wird wieder bemüht), die Faszination der Gewalt. Freuds Aktualität bezogen auf solch erschreckende Ereignisse ist brisant, weil sie weder in einer einfachen Bestätigung der Richtigkeit westlicher Politik mündet, noch einen andren einfachen politischen Populismus präsentiert.

Die Gestalttherapie kommt ins Spiel, weil sie als gleichsam illegitimes Kind der Psychoanalyse was von der Ungezogenheit und Sperrigkeit gegenüber den wie selbstverständlich akzeptierten, krankmachenden Bedingungen einer überregulierten »organisierten Gesellschaft« bewahrt hat. Die Besinnung auf Freud und die Entwicklung der ursprünglichen Gestalttherapie ist keine historische Fingerübung. Er steht, wie die Bemerkungen am Anfang deutlich machen, im Dienst an der psychologischen Aufklärung gegenwärtiger sozialer Probleme.

Der Text wird abgerundet mit Auszügen aus dem Traumtagebuch, das der Autor parallel zur Relektüre von Freuds »Traumdeutung« geführt 2014-2016 hat. Mit rund 50 Träumen bietet es reichhaltiges Anschauungsmaterial.

 

Aus dem Buch

»Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern auch der Aggressionsneigung des Menschen so große Opfer auferlegt, so verstehen wir es besser, dass es dem Menschen schwer wird, sich in ihr beglückt zu finden.« (Sigmund Freud, 1930.) Damit ist präzisiert, warum es keine klare Entgegensetzung von Kultur und »Barbarei« oder Gewalt gibt. Wie notwendig oder zumindest wünschenswert die gesellschaftliche Aggressionshemmung auch sein mag, sie erzeugt ein unglückliches Bewusstsein. Aus diesem ergibt sich erneute Aggression, etwa als Ressentiment, als Selbstzerstörung oder als scheinbar sinnlose Lust an der Gewalt, gar an deren Exzessen.

Die Kontrolle der aggressiven Impulse der Individuen durch die Gesellschaft erfordert eine kollektive Aggression, die krank, apathisch, depressiv macht, vereinzelt jedoch zu scheinbar unbegreiflichen Gewaltausbrüchen führt. Das macht das »Unbehagen in der Kultur« aus. Und da draußen lauert der Dschungel, wo die Gewalt allkläglich und handgemacht ist. Die zivilisierte Welt reagiert einerseits mit Schreckstarre, mit Appeasement, mit Verständnis, andererseits mit kalter, aggressionsfreier Bürokratie, mit Drohnen oder sonstigen Maßnahmen, die, je entfernter, kontakt- und gesichtsloser sie sind, als um so moralischer gelten. Andererseits zieht es tausende von uns Wohlstandskindern dahin, selbst Hand anzulegen, auf welcher Seite auch immer.

In der Empörung, die Freuds These seinerzeit auslöste und immer noch fast unvermindert auslöst, dass in Träumen vielfach – zum Teil versteckt – sexuelle Motive auftauchen, drückt sich allerdings auch Sexualabwehr durch die Zensur (des begrifflich erst später eingeführten Über-Ich) aus. Dass es nach Freud in Träumen oft um andere Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken – sowie, vor allem, um Schlafen und Ruhen – sich dreht, ruft keine ähnlich gelagerte Empörung und Zurückweisung der Art hervor: ¿Will er uns einreden, dass wir immer nur ans Fressen denken?, ¡wie einseitig!, ¡wie widerlich! »Der Traum als existenzielle Botschaft«, das ist nicht weniger Sexualabwehr als »der Traum ist purer Nonsens«. Erleichtert atmet mann auf, wenn bestätigt wird, sei es durch C.G. Jung, sei es gar durch den schmuddeligen Fritz Perls, nicht »alles« lasse sich auf Sex zurückführen; wobei »nicht alles« durch die Zensur flugs auf ¡Nichts! verkürzt wird.

Die emotionale Wucht hinter der Abwehr gegen Freuds These der Verschiebung von Wünschen im Traum erwächst, psychoanalytisch gesehen, dem Wunsch, keine geheimen, sozial unverträglichen oder den eigenen ethischen Regeln widerstreitende Wünsche zu hegen. Sie gleicht der Reaktion des trotzigen Kindes, das bei der Übertretung einer durch eine Autorität gesetzten Regel sich ertappt fühlt und nun alles ableugnet. Wird mit dieser Deutung die Psychoanalyse gegenüber Kritik auf unlautere Weise immunisiert? Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn ja, es liegt darin eine gewisse Immunisierung. Die Behauptung, es gäbe Menschen und sogar derer viele, die zu keinem Zeitpunkt ihrer sozialen oder individuellen Ethik widersprechende Wünsche verspüren, verstieße allerdings gegen alle Erfahrung. Und die aus der Erfahrung, dass es solche Wünsche tatsächlich gibt, resultierende Annahme, deren Kraft wüsste sich irgendwo und irgendwie im Geheimen und Verborgenen Ausdruck zu verschaffen, also durch »Verschiebung«, ist vielleicht nicht in gleicher Weise zu beobachten, liegt aber jedenfalls ziemlich nahe.

 

Nachtrag, Dienstag, 28. November 2017

Ein Traum zur perfekten Illustration von Freuds Theorie der Funktion des Traums. [Rahmenhandlung:] Ich befinde mich auf dem Weg der Rekonvaleszenz einer Grippe, begleitet von Nesselfieber, und stelle am Morgen enttäuscht fest, dass es mir nicht noch besser gehe, dass ich doch noch eher unruhig geschlafen habe, dass ich immer noch huste und dass der Ausschlag noch nicht ganz weg sei. Außerdem bemerke ich verdrossen ein verstopftes Nasenloch, ein unangenehmes Gefühl, sodass ich mir das wieder Einschlafen vollends abschminken kann; denn ich will kein Nasenspray verwenden, denn bis zum Aufstehen ist es ja kaum mehr als eine Stunde und für eine so kurze Zeit lohnt es sich nicht, es mir behaglicher zu machen. Man soll es ja nicht zu oft anwenden, solch ein Spray. Missmutig richte ich mich im Bett auf und lehne mich an die Wand. So geht es auch mit der Nase so halberlei. Ich döse ein wenig.

[Traum:] Zusammen mit meiner Frau sitze ich in einem Luxusauto, wir fahren aber nicht. Ich will auf einer CD etwas nachschauen. Aber an der Armatur befinden sich so verwirrend viele Knöpfe. Mir ist nicht klar, was ich tun soll und probiere mal dies, mal das, und jedes Mal blinkt irgendwo etwas auf, aber sonst passiert nichts. Bei einem Knopf dann geht laute Radiomusik an, die wir nicht hören möchten. Aber sie lässt sich nicht mehr abstellen. Ich fluche vor mich hin. Meine Frau, die mit etwas anderem beschäftigt ist, versucht, mich zu unterstützen. Nichts klappt.

[Rahmenhandlung:] Völlig entnervt erwache ich und stelle zu meiner Freude fest, dass ich gut eine Stunde geschlafen habe, mich erfrischt fühle und die Schwellung in der Nase wie weggeputzt ist. Voller Elan und guter Dinge erhebe ich mich. Der Traum als Wächter des Schlafes hatte die beiden Hindernisse auf geniale Weis beiseite geräumt: Die Ärgerenergie, die am Schlaf hindert, lenkte er in ungefährliche Bahnen um, während er zugleich mit der Aufrechterhaltung des Ärgers von der verstopften Nase ablenkte.

Wer nur das Vorurteil über Freud kennt, wird möglicherweise erstaunt sein, es sei Freuds Aussage über die Funktion des Traums, als Wächter des Schlafes zu dienen. Ist der Traum denn nicht dazu da, dem Psychoanalytiker wertvolle Fingerzeige für die Kur des Patienten zu geben?

Freud war biologischer Funktionalist. Es hätte keinen Sinn für ihn anzunehmen, dass die Menschen möglicherweise von Anfang an träumen, bezeugtermaßen jedoch seit Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen, aber seine „Funktion“ dann erst ein paar tausend Jahre später mit dem Aufkommen der Psychoanalyse zum Zuge komme. Der Traum muss also eine andere Funktion haben. Oder hat er gar keine? Die These, der Traum habe weder Funktion noch Bedeutung, sondern sei ein Zufallsprodukt, auch heute immer noch und immer wieder gern verfochten, konnte Freud nicht überzeugen. Derart komplexe, aufregende und bisweilen auch verstörende psychische Gebilde ohne Funktion würden der Ökonomie der Evolution zuwiderlaufen.

Dass der Traum dann auch noch eine zusätzliche Bedeutung in der Psychoanalyse annehmen kann als „Königsweg ins Unbewusste“, steht auf einem anderen Blatt. Aber dies bezeichnet nicht die Funktion des Traums. Mit dem Erwachen hat er seine Funktion erfüllt. Mach dir bloß keinen Stress drum. Das finde ich einen beruhigenden Gedanken. Seit ich ihn kenne, gehe ich entspannt mit meinen Träumen um. Sie sorgen gut für mich, jedenfalls versuchen sie es immer, soweit es ihnen möglich ist.

P.S.1 Wohlgemerkt, mein Traum illustriert Freuds Theorie; er beweist sie nicht; denn die Gleichzeitigkeit von Traum, Schlaf und freiem Atmen beweist keinen funktionellen Zusammenhang. Sie könnte zufällig sein. Obschon Freud ja begründete Einwände gegen die Kategorie des Zufalls bei psychischen Gebilden hatte … siehe P.S.2:

P.S.2 Ich notiere dies in mein Traumtagebuch und setzte das Datum darüber: 28. 11. 1917. Als ich den Fehler bemerke, überschreibe ich, mit „ertappt“ fühlend, die ersten Ziffern der Jahresangabe. Es gibt keine Zufälle im Bereich psychischer Produkte. Sagt Freud. Aber was sagt mit dies fehlerhaft geschriebene Datum?

Bestellen über bod.de

Leseprobe


122 Seiten, [D] 12,80 €
ISBN 978-3-7392-4835-6